Neuseeland ja oder nein? – Die Reise zur Entscheidung in mir

Nachdem ich etwas länger nichts von mir hören lassen habe, folgt ein etwas längerer Beitrag.
Heute möchte ich euch erzählen wie ich persönlich zu einer Entscheidung gekommen bin, nachdem ich monatelang hin- und her überlegt habe und es mir wirklich nicht leicht gefallen ist. Kann man als bewusster und aufgeklärter Mensch, dem Klimaschutz sehr am Herzen liegt und der weiß, welche klimarelevanten Auswirkung ein derartig langer Flug* hat, zu einem Auslandssemester, für ein „Umwelt- und Nachhaltigkeitsstudium“ nach Neuseeland reisen?  (*ein Flug ist leider unumgänglich, da zwischen Semesterende in Österreich und Semesterbeginn in Neuseeland nur zwei Wochen Zeit sind.) Der folgende Text ist frei aus dem Bauch heraus geschrieben. Ich erwähne plakative Beispiele und ganz persönliche Gedanken. Weder will ich damit jemanden beleidigen, unter Druck setzen noch fordernd wirken. Mir ist meine privilegierte Lage und die Relativierbarkeit der Problemstellung sehr wohl bewusst. Ich weiß auch, dass jede*r nur im Ermessen ihres/seines Bewusstseins handeln kann! Ich freu mich über eure Meinungen, Fragen und Anregungen in den Kommentaren!
An dieser Stelle auch ein riesen „DANKE“ von Herzen an all die lieben Freunde, Kolleg*innen und Vorbilder, die mir bei der Entscheidung geholfen oder mich begleitet haben.

CO2 hin, CO2 her
Ich habe dieses Masterstudium vor einem Jahr unter anderem auch gewählt, weil mich Neuseeland einfach immer schon gereizt hat und damit die Chance da war. Ein verpflichtendes Semester entweder in Prag oder in Neuseeland bei der Partneruni ist im Studienplan enthalten. Prag kam für mich nie in Frage: Weder passt die Uni zu meiner Spezialisierung noch will ich wieder in einer Stadt wohnen (die Uni in Neuseeland ist in einem kleinen Bauerndorf, sehr ländlich, mitten in der Natur).
Zusätzlich arbeite ich zu der Zeit nebenbei an der Uni im Bereich der CO2 Kompensation über meiner Meinung nach sehr qualitative, eigene universitäre Klimaschutzprojekte. Da ich Flugemissionen regelmäßig berechne, habe ich vermehrt die Zahlen für die Tonnen CO2 im Kopf, die ich durch dieses Auslandssemester zusätzlich verursachen würde. Zur Veranschaulichung: ein/e Durchschnittsösterreicher/in emittiert ca. 10 Tonnen CO2 jährlich. Wenn wir das 1,5°C Klimaziel von Paris erreichen wollen, reicht das Emissionsbudget global noch ca. 12 Jahre, dann sollten wir all unsere Systeme komplett auf erneuerbare Energie umgestellt haben. Es ist als von den Zahlen her eigentlich weder fair noch möglich für mich, durch meinen Flug in 2 Tagen nochmal zusätzlich 10 Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen, selbst wenn ich sie doppelt und dreifach kompensieren könnte. „Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir den Klimawandel begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren, und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen.“, postulieren aktuell Jugendliche der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ und Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt unterstützen diese Forderung.

https://www.wandelimkleinen.de/fridays-for-future-bitte-weitermachen/

Man kann es nicht richtig machen!
Ich habe viele Argumente dafür und dagegen gesammelt, gehört und durchgedacht. Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt mein Masterstudium wieder abzubrechen, obwohl doch genau Neuseeland ein Hauptgrund war dieses zu wählen. Wäre ein Abbruch sinnvoller bzw. nachhaltiger?
Innerhalb eines Jahres hat sich dann also viel getan: hier ein kleiner chronologischer Einblick, der auch oft kontrovers ist, weil es einfach keine einfache Lösung gibt:

Klar, kann ich das machen, wenn mein Bauchgefühl mir den Weg weist

„Fliegen ist das größte legale Umweltverbrechen, dass man heutzutage begehen kann“ (Nico Paech – Uni Professor“. Hart aber wahr. Passt wohl nicht so gut zusammen mit meiner sonstigen Lebensweise.

Mein Flug ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein: So viele hunderttausende Consultants, Business-Leute und Fußballfans fliegen täglich (sogar vermeidbare Kurzstrecken innerhalb Europas), da machen meine Emissionen doch keinen Unterschied

ich fliege ja für einen „guten Zweck“, meine Ausbildung im Klimaschutzbereich und für ein halbes Jahr, nicht nur zum Spaß auf Urlaub für eine Woche (trotzdem wären die Emissionen im Endeffekt genau dieselben!) Aber vielleicht bewirke ich in Zukunft durch meine Arbeit und meine Erfahrung dann viel mehr Positives

wenn nicht einmal die „Klimaschützer und Ökos“ es schaffen, ihre „erlaubten“ Emissionen zu erreichen, wer soll es dann schaffen?

So oft habe ich gehört: „Der Flieger fliegt doch sowieso!“ – Mag sein, es stimmt auch, dass oft Plätze unbesetzt bleiben und halb leer geflogen wird – Leider! Aber ich will keine aktive Unterstützung für dieses System sein.

Ich will meine Wirkungskraft aber auch nicht nur auf meinen persönlichen Konsum beschränken lassen. Wir leben zu sehr in der Fiktion, dass wir durch unser persönliches (Nicht-)Konsumverhalten die Welt retten oder zerstören. Wir definieren uns in der heutigen individualistischen Konsumgesellschaft hauptsächlich darüber was wir kaufen oder eben nicht kaufen. Diese Theorie hat für mich zwei wesentliche Schwächen:
Erstens dürfen wir uns nicht nur in diesem Käfig als „Konsument*in“ klein halten lassen. Es gibt viel mehr über das wir wirken und uns definieren sollten: Vorbildwirkung auf Andere, Ehrenamtliches Engagement, soziale Kompetenzen wie Achtsamkeit, Solidarität und Toleranz, Aktivismus, Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen, Genügsamkeit … all das wird aber vom System und der Gesellschaft viel weniger anerkannt bzw. ist weniger leicht messbar im Vergleich zum Konsumverhalten, dass wir über unsere Billakarte gläsern preisgeben und uns damit steuerbar machen.
Zweitens ist es ein Irrglaube zu denken meine Nachfrage bestimmt das Angebot. So denkt es die klassische Ökonomie gerne jedoch glaube ich, dass mindestens genauso stark, wenn nicht sogar mehr, das Angebot die Nachfrage bestimmt. Seien es Lobbys, Steuerungerechtigkeit (z.B. fehlende Kerosinsteuer), fehlende Einbeziehung externer Kosten (z.B. Umweltschäden), Aktionen, oder sonstige Mechanismen, die verlockende Angebote erzeugen, bevor sie noch nachgefragt wurden. Schockiert hat mich besonders, dass eine Billigfluglinie, bei einer PR-Aktion letztes Jahr, die ersten 50.000 Tickets um einen Cent verkauft hat. Da kann mir niemand erzählen, die Nachfrage sei Schuld. Die Umwelt, das Klima und damit Menschen die auf irgendwelchen Inseln versinken, und bald wohl auch wir und unsere Kinder zahlen den wahren Preis dafür

Da kommt schnell die Frage auf: Individuell ansetzen oder systemisch. Es braucht eine Kombination! Wenn man nur individuell tut was man kann, könnte man das ins Extreme steigern und hätte seine eigens angebauten Erdäpfeln und Karotten, nur noch Secondhandkleidung und -technikgeräte und das selbst renovierte Plusenergiehaus. Das kann wunderschön und spaßig sein und ich bin selbst auch derartig unterwegs. Jedoch kostet das oft so viel Zeit, dass man gar keine Ressourcen mehr hat sich systemisch einzusetzen, durch Fortbildung, politischen Einfluss, Active Citizenship oder Aktivismus, wo man an Meta-Ebenen ansetzen würde.
Andersrum ist es aber auch wenig glaubhaft, wenn man sich für nachhaltigen Verkehr systemisch einsetzt, selbst aber das Auto und das Flugzeug regelmäßig nutzt, weil man individuell die Verantwortung nicht sieht. Für mich braucht es also eine gesunde Mischung aus dem, was man selbst leicht und gerne im eigenen Leben umsetzen kann und trotzdem genug Zeit lässt, sich auch systemisch über die individuelle Ebene hinaus einzusetzen.

CO2 überall

Mein Wendepunkt
Zitate wie: „Be the change you wanna see in the world“ und Idole wie die 16-jährige Greta Thunberg, (die sogar ihre Gymnasiumszeit, obwohl sie wirklich wissbegierig ist und gerne lernt, für ein Jahr unterbricht, aus der Dringlichkeit die auch sie spürt, sich im Moment systemisch eher fürs Klima einzusetzen, als in der Schule zu sitzen) haben mich dann dazu gebracht zu versuchen, so klimaschonend, wie nur möglich in zwei Wochen, nach Neuseeland zu kommen. Die Challenge, das alternativ sein und die Reise an sich schon als Abendteuer zu genießen, haben mich motiviert.
Obwohl ich mittlerweile auch Frieden damit gefunden hätte, einfach zu fliegen (aus den oben beschriebenen Gedanken), solange es nicht für reine Urlaubszwecke ist und ein großer Ozean zu überwinden ist. Trotzdem will ich es alternativ versuchen und mir selbst dabei treu bleiben und  zusätzlich meine Erfahrung auch nutzen um systemisch was zu verändern.

Ausschlaggebend war dann aber folgender Moment: Ich sitze am Radl am Heimweg vom Reisebüro (aus Respekt vor dem Aufwand es alleine zu organisieren) und erklärte dort gerade meine Beweggründe und mein Dilemma. Ein „Spinner“ kommt selten allein! Ich muss auflachen, weil erstens ich wirklich ernsthaft überlege, mit dem Zug bis China zu fahren und es zweitens jemanden gibt, der sich dafür so begeistern lässt, mich auf dieser CO2-Challenge zu unterstützen! „3 Mal am Tag einen All-Inklusive Urlaub in die Türkei verkaufen, ist nämlich deutlich unspannender!“, so seine Worte. Einige Tage später: „Max ich habe dir was ausgecheckt! Wenn schon so machst, dann richtig: mit dem Zug über Warschau und Moskau bis Peking, von dort nur ein einzelner Flug (anstatt mindestens 3 von Österreich) nach Auckland. Extra mit einer Boing 787, die zurzeit den geringsten CO2-Ausstoß aller Passagierflugzeuge auf diese Strecke bezogen hat. Dann weiter mit dem Zug, Fähre und Bus bis Lincoln auf die Südinsel in Neuseeland, wo du dann nach 14 Tagen und nur einem Drittel des regulären CO2 Verbrauchs deine Uni rechtzeitig erreichst.“
Und so sollte es sein!

Meine Lösung
Rein kalkulatorisch und nur auf CO2 Emissionen bezogen, konnte ich diese Entscheidung nicht treffen. Die Emissionen sind leicht dargestellt, doch das CO2, das man damit in Zukunft vermeidet, durch die Wirkung dieser Entscheidung auf mein Umfeld, Gespräche über Nachhaltigkeit und Situation des Weltklimas mit Fremden in Russland, das Wissen und die Erfahrung aus dem Studium bzw. von meiner Permakulturfarm-Gastfamilie und die folgenden Verhaltensänderungen, können einfach nicht bemessen werden.
Ich habe das Gefühl, durch mein Auslandssemester langfristig mehr CO2 zu vermeiden, als durch die Reise (v.A. den einen Flug) auszustoßen. Somit kann ich es für mich selbst legitimieren und es gleichzeitig auch genießen. Dann bin ich für mich mit einem Flug in Frieden.
Zusätzlich will ich den Flug trotzdem kompensieren, mein Permakulturwissen in NZ einbringen, selbst weiter Bäume pflanzen so oft ich kann, eine WWF-Jugendgruppe (analog zu „Generation Earth“ in Österreich, der ich teilhaben darf) auch in Neuseeland gründen, mich mit Korallenriffschutz beschäftigen und Student*innen in Neuseeland helfen, ihre nachhaltigen Ideen umzusetzen. Mal schauen, was sich machen lässt, spaßig wärs!

Mein Wunsch
Der/dem Nächsten, der ein ähnliches Reisseziel hat, es erleichtern und gleichzeitig schmackhaft machen (zurzeit schaue ich nämlich Kamelen und Antilopen in der mongolischen Hochlandsteppe beim Grasen und Wildpferden beim Baden zu – unbeschreibliche Bilder!).
Für mich gab es weder Erfahrungsberichte noch Unterstützung von Uni-Seite, was mich etwas enttäuscht hat. Das will ich ändern! Anscheinend bin ich der Erste, der in der über zehn Jahre bestehenden Unikooperation mit Neuseeland in einem Umweltstudium, eine umweltfreundilchere Anreise versucht. Das hat mich verwundert. Klar ist es aufwendiger, ökonomisch unrational jedoch machbar!
Vielleicht fällt es Student*innen in Zukunft ja leichter durch meine Tipps und Tricks, oder gibt es von Uniseite eine finanzielle Unterstützung (es ist nämlich schon mindestens 3-mal teurer), oder toleriert die Partneruni, dass Leute, die zum Beispiel per Segelboot anreisen,  später ins Semester einsteigen können. Es gäbe viele Dinge, die ich hier von einer Uni, wie der BOKU erwarten würde, mitzudenken.
Im Endeffekt wünsche ich mir, mehr Wertvolles beigetragen, als Schaden versursacht zu haben.

2 Gedanken zu “Neuseeland ja oder nein? – Die Reise zur Entscheidung in mir

  1. Danke lieber Max dass du uns an deinem Gedankenkarussel teilhaben lässt (das kennen vermutlich viele von uns, diese subtilen Stimmen im Herzen und im Hirn, die bei jeder Entscheidung fleißig mitdiskutieren 😉 ) und schön zu sehen, wie du letztlich einen Weg gefunden hast, mit dem du so in Frieden sein kannst! Ich finde es ganz toll was du machst und wie du es machst! Ein Hug von der Ferne, Julia 🙂

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  2. Lieber Max!

    Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken!
    Dein Blog ist „Stein des Anstoßes“ und Motivation zugleich selbst zu reflektieren und zu handeln. Nur zu gut kennen viele Freunde, mit denen ich rede, diese Hin- und Hergerissenheit. Toll, dass du diese Reise machst, anpackst und deine Erfahrungen mit uns teilst!

    Liebe Grüße
    Sascha

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